Von anderen Leben, die es zu kennen lohnt

Yusuf Yesilöz: ein Autor zwischen zwei Welten

© Neue Zürcher Zeitung; 10.06.2002; Nummer 131; Seite 32
Zürcher Kultur (ZÜRCHER KULTUR)

Bettina Looser

Er ist ein Schweizer Schriftsteller kurdischer Herkunft: Yusuf Yesilöz, der unlängst sein viertes Buch veröffentlicht hat. «Der Gast aus dem Ofenrohr» begleitet einen jungen Kurden aus einem kleinen Dorf in Südanatolien, der als politischer Flüchtling in die Schweiz kommt, durch die ersten Monate im fremden Land. «Ich schreibe kurdisch auf Deutsch», sagt der Winterthurer Yesilöz über seine autobiographisch gefärbte Arbeit.

«Ich schreibe, weil ich als Fremder betrachtet werde», meint Yusuf Yesilöz im Gespräch, «und ich möchte mit meinen Büchern ein Fenster öffnen in die kurdische Kultur.» In seinem neuen Buch «Der Gast aus dem Ofenrohr» verbindet er Geschichten aus seiner Heimat mit seinen ersten Erfahrungen in der Schweiz. Er entführt die Lesenden in eine Welt kultureller Missverständnisse, die bewegend sind - und vergnüglich.

Durchgangsheim: Rite de Passage eines Flüchtlings

Seine Stimme ist leise, und doch geht keines seiner Worte im Stimmengewirr des Restaurants verloren. Yusuf Yesilöz artikuliert behutsam und präzise und spricht so zurückhaltend und konzentriert, wie er sich bewegt. Nach «Steppenrutenpflanze», «Reise in die Abenddämmerung» und «Vor Metris steht ein hoher Ahorn» hat der Schweizer Schriftsteller kurdischer Herkunft unlängst sein viertes Buch veröffentlicht: «Der Gast aus dem Ofenrohr» begleitet einen jungen Kurden aus einem kleinen Dorf in Südanatolien, der als politischer Flüchtling in die Schweiz kommt, durch die ersten Monate im fremden Land - vom Tag seiner Ankunft bis zum Tag seines Austritts aus dem Durchgangsheim. Dem Ich-Erzähler erscheint seine neue Umgebung unnahbar und undurchdringlich, mit der Zeit aber lernt er, sie zu verstehen. Er begreift, dass auf knappe Fragen knappe Antworten erwartet werden und nicht ganze Geschichten und dass hier das Bewusstsein, ein Individuum zu sein, stärker ist als das Wir-Gefühl. Im Durchgangsheim lernt er Deutsch, sucht eine Arbeit und wird bei seinem Versuch, sich zurechtzufinden, von Landsleuten und Schweizern unterstützt - und doch fühlt er sich immer wieder verloren in der fremden Welt. Das einzig Vertraute sind die Geschichten, die er erzählt und die er zu hören bekommt: Die mündliche Erzählkultur wird zum Auffangnetz aus Worten und Phantasien, das ihn vor Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit schützt.

In einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien aufgewachsen, ist Yesilöz 1987 als dreiundzwanzigjähriger politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Winterthur. In den ersten Jahren in der Schweiz arbeitete er als Krankenpfleger, verlegte kurdische Literatur und führte eine eigene Buchhandlung, die er mit dem Übersetzen von Dokumenten finanzierte. «Irgendwann habe ich dann Stiftfarbe geschleckt und zu schreiben begonnen», sagt er, «weil ich das Bedürfnis hatte, von meiner Heimat zu erzählen.» Daneben übersetzt er die Bücher kurdischer und türkischer Autoren und schreibt eine monatliche Kolumne im «Tages-Anzeiger»

Der Friede liegt in der Weile

Der «Gast aus dem Ofenrohr» hat einen autobiographischen Kern. Viele Begebenheiten hat Yesilöz selber erlebt, andere sind «nicht neben seinem Fuss passiert». Die mündliche Erzählkultur Kurdistans prägt Tonfall und Struktur des Buches. In einfacher Sprache macht es in blumigen Bildern Stimmungen, Düfte und Geräusche greifbar, gleicht in seinem tragenden Ton sakralen Texten, und die Schilderung des Lebens im Durchgangsheim ist mit Geschichten aus der Heimat durchwoben wie ein Teppich mit einem goldenen Band.

Yesilöz erzählt nicht nur vom Fremdsein. In der Gestalt kleiner, alltäglicher Begebenheiten handelt sein Roman auch von Freundschaft, Liebe und Humor - und zeigt die Schönheit des Umständlichen und den Frieden, der in der Weile liegt; der Tee wird am besten, wenn er stundenlang kocht, Gerüchte sind lang wie Heldenepen, und eine Anleitung zum Teppichknüpfen lässt eine ganze dörfliche Welt auferstehen. «Der Gast aus dem Ofenrohr» lässt sich in allem Zeit. Es geschieht wenig, und was geschieht, ist ausführlich und detailgenau beschrieben. Spannung erzeugen die Tragikomik der geschilderten kulturellen Missverständnisse und die Gegenüberstellung von exotisch anmutenden Geschichten und dem in lakonischem Ton beschriebenen, kargen Alltag im Durchgangsheim. Komposition und Aussage sind weder ausgeklügelt noch komplex, und die Sprache hat bisweilen die Rohheit eines ungeschliffenen Steines. Yesilöz ist es aber gelungen, ein unspektakuläres Thema zu einer unterhaltsamen und anrührenden Geschichte zu machen, deren Bilder durch ihre Einfachheit bezaubern.

Sprache als Distanz und Brücke

Seinen Büchern ist Yesilöz immer einen Schritt voraus - um grosse Geschichten zu schreiben, braucht er die Erinnerung und die Distanz zu seinen eigenen Erfahrungen. Er schreibt «kurdisch auf Deutsch» und vertraut beim Schreiben auf die Bilder, die sich durch die Übersetzung kurdischer Metaphern ins Deutsche ergeben. Sprachbilder sind seine Brücke - zwischen Kurdisch und Deutsch, zwischen zwei Kulturen und über kulturelle Missverständnisse hinweg.

Unlängst hat Yesilöz zusammen mit seiner achtjährigen Tochter eine Ferienwoche bei seinen Verwandten in Kurdistan verbracht - eine Erfahrung, die vielleicht einmal Eingang in ein Buch findet: «Ich bin damals fortgegangen als einer der ihren. Jetzt bin ich zurückgekommen mit einer Tochter, die Kurdisch versteht, aber Deutsch spricht und deren Worte ich meinen Eltern übersetzen musste - es war, als müssten wir uns alle in gewisser Weise neu kennen lernen.» Für Yesilöz ist das Schreiben ein Versuch, die Welten, in denen er sich bewegt, zu verbinden - und das Fremdsein zu nutzen: «Ich möchte zeigen, dass es andere Leben gibt, die es zu kennen lohnt.»


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