Einer aus Anatolien, der zur Sprache fand

Tages-Anzeiger; 26.02.1999; Seite 2

Der kurdische Schriftsteller Yusuf Yesilöz lebt in Winterthur. Die PKK ist für ihn nur die Lunte an einem politischen Schwel- brand, den der türkische Staat entfacht hat.

Von Marlène Schnieper

Er trägt kein Kurdentuch, Komplizenschaft mit der Kurdischen Arbeiterpartei, PKK, liegt ihm fern. Wie Yusuf Yesilöz so daherkommt in seinem Wintermantel, schmal und schmächtig, mit einer Mappe unterm Arm, mutet er durchaus an, wie sich die SVP, wenn überhaupt, Zuzüger wünschte: unauffällig und heimischen Gepflogenheiten angepasst.

Gewalt ist kontraproduktiv

Nur die dunklen Augen im knochigen Gesicht weisen auf die Herkunft hin. Yesilöz stammt aus der Provinz Konya in Mittelanatolien. Er wurde dort 1964 geboren, als Kurde mit türkischer Staatszugehörigkeit. Klar wie sein Blick ist Yesilöz' Urteil. Man braucht ihn nicht daran zu erinnern, dass Besetzungen von diplomatischen Missionen, Geiselnahmen, Gewalt gegen Personen und Gebäude, wie sie die PKK jüngst nach der Verhaftung ihres Chefs Abdullah Öcalan in halb Europa angezettelt hat, bloss der Internationale der Fremdenhasser in die Hände arbeiten. Er hält die illegalen Aktionen auch für kontraproduktiv in eigener Sache: "Jeder neue Rechtsbruch, zu dem sich die kurdische Bewegung in der Schweiz und anderen demokratisch verfassten Rechtsstaaten des Westens hinreissen lässt, stärkt letztlich nur die ultranationalistische Linie der offiziellen Türkei. Ihr käme es noch so gelegen, wenn sich die Formel «Kurden gleich Terroristen» gewissermassen von selbst bestätigte."

Allerdings argumentiert Yesilöz, wie er sagt, "von privilegierter Warte aus". Er hat hier zu Lande eine zweite Heimat gefunden. 1987 kam er als Flüchtling in die Schweiz. In Frauenfeld schlug er sich zunächst als Hilfsarbeiter durch. Nach ein paar Jahren - sein Gesuch um politisches Asyl war noch nicht geklärt - lernte er eine Schweizerin kennen, Assistenzärztin am Kantonsspital. Sie verliebten sich, heirateten und hatten zusammen ein Kind. So kam dieser Kurde zum Schweizer Bürgerrecht und zu einer Zukunft.

Seine Frau führt heute in Winterthur eine gynäkologische Praxis. Evin, die fünfjährige Tochter, antwortet der Mutter, die mit ihr Schweizer Dialekt spricht, auf Kurdisch. Der Vater besorgt den Haushalt, er hat selber zwei Erzählungen geschrieben, die in deutscher Sprache erschienen sind, zudem gibt er Bücher anderer kurdischer Autoren im von ihm gegründeten Verlag Ararat heraus. Die kleine Familie hat den Sprung über die Kulturgrenzen geschafft. "Einer wie ich hat gut reden", sagt der Schriftsteller. "Unzählige meiner Landsleute fristen ein Dasein ohne Perspektiven. Ich kann verstehen, dass sie in westeuropäischen Grossstädten auf die Barrikaden steigen und fragen:"

Yesilöz war nie Mitglied der PKK. Über die Stärken und Schwächen ihres Chefs mag er sich nicht auslassen. Für eines aber verwendet er sich mit Vehemenz: "für unser Recht, in der Türkei einen wie Abdullah Öcalan wählen oder abwählen zu können". Nach türkischen Quellen hat sich die PKK mit ihrer Gewaltstrategie in den eigenen Reihen inzwischen diskreditiert. Auch im kurdischen Mainstream stören sich manche am "martialischen Auftritt" von PKK-Exponenten. Yesilöz warnt indes vor Illusionen: Wo sich Öcalans Partei für die Emanzipation der Kurden in der Türkei einsetze, könne sie noch heute jederzeit bis zu neunzig Prozent dieses Volkes hinter sich scharen, zu Hause wie in der Diaspora. "Vor dieser Partei gab es bereits ein Dutzend kurdische Revolten, nach ihrer Vernichtung wird es neue geben."

Schule - die Begegnung mit dem Staat

Im mittelanatolischen Dorf, in dem Yusuf Yesilöz zusammen mit zwei Brüdern und drei Schwestern aufwuchs, war seine Familie die kleinste. Die Vorfahren waren mit Kameltransporten beschäftigt gewesen. Der Vater musste umlernen. Er arbeitete als Geleisemonteur bei einer staatlichen Gesellschaft, die den Salzsee in der Provinz Konya ausbeutete. Die Mutter besserte das Einkommen mit Schafzucht auf. "Die Ärmsten im Dorf hatten 100 Schafe, wir hatten 300. Also waren wir verhältnismässig reich."

Der Vater war ein paar Jahre zur Schule gegangen, später trug er, als Gewerkschafter engagiert, Begriffe wie "soziale Gerechtigkeit" in die Familie. Die Mutter, erzählt der Sohn, habe zur Heirat einen Koran und Ohrringe erhalten. Drei Jahre später habe sie diese Schätze gegen ein Backblech veräussert. "Sie ist ganz und gar praktisch veranlagt und Analphabetin. Dank ihr haben wir - im Gegensatz zu vielen andern kurdischen Kindern in der Türkei - noch richtig Kurdisch gelernt."

Mit sieben begegnete der Bub erstmals dem türkischen Staat: "In der Schule war Türkisch einzige Unterrichtssprache. Ich verstand kein Wort und wurde gehänselt." Mit vierzehn entdeckte er, dass sich im Zimmer eines älteren Bruders, der das Gymnasium besuchte, eine kleine Bibliothek angesammelt hatte: "Viel Revolutionäres aus Russland, alles, was man sich damals in der Türkei unter den Nagel reissen konnte." Kurdische Literatur war nicht dabei. Noch 1992, als er in St. Gallen eine kurdische Buchhandlung aufbauen wollte, entsinnt sich Yusuf Yesilöz, habe er "in ganz Europa bloss 21 kurdische Titel aufgestöbert".

1980 putschten in Ankara die Militärs. Es begann die grosse Hatz nach Demokraten, Linken und kurdischen Patrioten im Land. 1984 ging die PKK, die Öcalan sechs Jahre zuvor gegründet hatte, zum bewaffneten Kampf über. "Während andere neomarxistische Gruppierungen, die zu jener Zeit bei uns in grosser Zahl aus dem Boden schossen, lediglich palaverten, kam die PKK in unsere Dörfer und legte sich handfest mit unseren Unterdrückern an. Das machte sie rasch populär", sagt Yesilöz.

Im überhitzten politischen Klima der folgenden Jahre suchte er selbst das Weite. Er hatte damals schon gewisse prokurdische Schriften publiziert und musste fürchten, dass ihn ein Kollege unter Folter verraten würde.

Ein Satz, und du bist ein Separatist

Im Juni 1996, als der Schrifsteller erstmals nach zehn Jahren ferienhalber in die Türkei zurückreiste, hat ihn die Vergangenheit beinahe nochmals eingeholt. Der Schweizer Pass nützte nichts. Der Zollbeamte in Istanbul fütterte seinen Computer mit den Daten aus Yesilöz' türkischem Pass und richtete sich Sekunden später jäh auf: "Komm mit, du bist verhaftet." Dass er von Polizisten, die ihre eigenen Vorgesetzten als "Hurensöhne" verfluchen, fortan geduzt wurde, war noch die geringste der Demütigungen auf einer dreiwöchigen Irrfahrt durch Arrestlokale und Gefängniszellen.

Vor einem Staatsicherheitsgericht in Ankara kam es zu einer Blitzanklage. Sie lautete auf "separatistische Propaganda". Der Grund: Yesilöz hatte 1994 im deutschsprachigen Raum die Studie eines kurdischen Wissenschaftlers im Exil über kurdische Literatur publiziert. Darin stand der Satz:" Da Kurden in drei Alphabeten schreiben und auf fünf Länder aufgeteilt sind, hat die kurdische Literatur keine Möglichkeiten zur Transparenz." Dafür sollte Yesilöz, der Herausgeber, in seiner alten Heimat sechs Monate ins Gefängnis. Die Strafe liess sich dann mit Glück und kluger Anwaltstaktik in eine Geldbusse von 2000 Franken umwandeln.

In der heutigen Türkei gibt es, wie Süleyman Demirel eben wieder bekräftigt hat, "keine kurdische Frage, nur ein Terrorproblem". "In der Tat", sagt Yesilöz voll bitterer Ironie, "und meine eigene kleine Geschichte ist nur das kleinste Steinchen, das den türkischen Staatsoberen zum Beweismosaik noch fehlte."


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