Bescheidener Luxus

Buchbesprechung von «Der Imam und die Eselin»

von Yusuf Yesilöz

Charmant und verschmitzt erzählt Yusuf Yesilöz in seinem neuen Buch herb poetische Geschichten rund um einen kollektiven Traum: Ganze Dörfer träumen von dem Luxus, anstatt Ziehbrunnen fliessendes Wasser zu haben.

Yusuf Yesilöz erzählt einfühlsam und kenntnisreich vom Leben im Dorf in Kurdistan. «Der Imam und die Eselin» ist schon das vierte Buch, in welchem der deutsch schreibende und in Winterthur wohnhafte Kurde eine Brücke schlägt zu jener Welt, die er 1987 als Flüchtling hatte verlassen müssen. Auch in den neuen, als Schelmenroman angekündigten Geschichten bleibt Yesilöz ein genauer Beobachter und ein stiller Botschafter seiner Kultur. Dabei greift er auf traditionell orientalische, zeitweise an 1001 Nacht erinnernde Formen zurück, ohne jedoch die Realität der politisch problematischen Region zu verraten.

Bescheidener Luxus

Zwar ist der Ton von «Der Imam und die Eselin» zurückhaltend, Schalk und Charme sind allgegenwärtig. Nur scheinbar unbeschwert werden aber auch schwierige Themen wie Armut, Zurückgebliebenheit, Heuchelei und Korruption miteinbezogen. Dass eine Eselin in diesen Geschichten eine entscheidende Rolle spielt, ist bezeichnend für die ganz in der Bildersprache eines Hirtenvolkes verankerten Geschichten.

Wegen der Eselin und dem Imam wollen die Dorfgrössen beim Mufti in der Kreisstadt vorsprechen. Da über den wahren Grund kaum gesprochen werden kann, glaubt bald das ganze Dorf, es ginge dabei um die lang ersehnten und überfälligen Wasserleitungen. Sogar das Nachbardorf verfällt diesem Glauben. Ein grosses Missverständnis führt zum nächsten, dessen Auflösung hier nicht vorweggenommen werden soll.

Hirtenleben

Es gibt dabei aber laufend vermeintliche Gründe, Feste zu feiern. Die Frauen lassen dann von ihren Hirten ungezählte Lämmer schlachten und beglücken ihre Gäste mit Weizengrütze und gesalzenem Yoghurtwasser. Die Männer ihrerseits reiben sich wie zu allen besonderen Anlässen arabisches Öl aus Istanbul in die Schnauzbärte, vertilgen Süsses und rauchen Bitteres, prügeln sich dazu auch mal, wie es sich gehört, und sind froh um jeden guten Grund, unbehelligt der Moschee fernbleiben zu können.

Besonders mit den Schilderungen dieser Festlichkeiten versteht es Yussuf Yesilöz, die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande zu wecken, dort wo das Dorf noch ein richtiges Dorf ist, wo man sich gemeinsam um das Gesamte kümmert, wenn auch nicht immer ohne Reibereien.

Verblüffend einfach, aber auch unvergesslich schön ist die Sprache, in welcher Yussuf Yesilöz seine Figuren miteinander verkehren lässt. Oft reden sie in deftigen Bildern, beziehen sich dabei auf die Schönheiten der Natur oder erklären sich mit Beobachtungen bei ihren Tieren. So sind die Männer «müde wie drei Schafböcke in einer grossen Schafherde» oder «eine Freundschaft ist so eng, dass nur das getrunkene Wasser getrennte Wege geht».

 


 

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