Kolumne in der Wochenzeitung WOZ vom 22.12.2011

Schweizer Tugenden

Yusuf Yesilöz über einen globalen Exportschlager

Kaum trat ich über die Türschwelle des Ladens, wurde ich von einer lautstarken Diskussion zwischen dem Ladenbesitzer Ferhad und seinem Stammkunden Florian, dem Musiklehrer, begrüsst. Sie debattierten ernsthaft und so heftig, als würden sie um das allerletzte Brot kämpfen. Florian war im Gesicht schon rot angelaufen und aus Nervosität spielte er mit seinem silbernen Ohrring. Ferhad hinter der Theke, der sonst Kunden wie seinen eigenen Augenapfel liebt, hörte nicht einmal, dass ich einen Espresso bestellte.

Ich setzte mich an die Bar, hörte dem Gespräch zu. Das streitbare Thema war folgendes: Ferhad, der frühere Revolutionär, hatte an jenem Morgen in der türkischen Zeitung gelesen, dass an der Istanbuler Börse ein gigantischer Korruptionsskandal aufgeflogen war. Mehrstellige Millionenbeträge seien in die Schweiz geflogen und dort auch schon verduftet. Den letzten Satz sprach er mit schadenfroher Stimme. Er zählte auch noch diverse andere Peinlichkeiten der vergangenen Woche in der Schweiz auf, sprach vom gescheiterten Bundesratskandidaten einer Partei, die wegen der Erbschleicherei eines kleinen Mannes Schlagzeilen machte, während ihre besten Funktionäre Lügen zu ihrem Motto gemacht hätten. Er freue sich aber, dass der grosse Fisch namens Schweizerische Volkspartei jetzt vom Kopf aus zu stinken beginne.

Florian nippte an seiner leeren Kaffeetasse. Mit etwas Bitterkeit in der Stimme sagte er, als er wieder mal dran kam, er hoffe, dass Ferhad endlich lerne, nicht nur von dieser peinlichen rechten Ecke zu sprechen, wenn er über seine Wahlheimat etwas zu erzählen habe. Das Land habe beste Persönlichkeiten hervorgebracht. Florian zählte im Schnelltempo mindestens zwanzig Namen auf, als letzten den Hitler-Attentäter, an dessen Namen er sich im Moment nicht erinnere.

Weil ich wusste, dass die besten Freunde sich auch am nächsten Tag dem gleichen Thema widmen würden und diese Diskussion ein Teufelskreis ist, mischte ich mich zur Ablenkung ein, denn ich wollte nur meinen Espresso bekommen. Unser Land habe noch viele andere Tugenden, erzählte ich, es exportiere beispielsweise jährlich 7.5 Billionen Spermien in die Welt, was ein globaler Exportrekord sei. «Millionen was exportiert die Schweiz?» fragten beide im Chor, höchst erstaunt.

«Nicht Millionen, sondern Billionen von Spermien exportiert der Schweizer Genetikanbieter, der in den letzten zehn Jahren seine Spermienexporte verfünffacht hat, und jetzt will die Firma den Markt in China erobern», berichtete ich mit Stolz. Beide Männer standen reglos und sprachlos da, als hätte jemand ihnen die Zunge rausgeschnitten. Ferhad hatte die türkische Börse längst vergessen, er wollte nur noch wissen, wie so etwas gehe. Ich erklärte: «Das heisst, dass der Schweizer Unternehmer die Spermien eines Ochsen in eine Dose fliessen lässt. Und eine Dose mit fünfzehn Millionen Spermien reicht für die Besamung einer Kuh, die hinter der chinesischen Mauer je nach Art der inseminierten Spermien ein Kalb der Rasse «simmental», «red- holstein» oder gar «Brown Swiss» gebären wird.»

Das sei ja mega krass, rief Florian. Ich legte ihm den Zeitungsartikel auf die Theke, den er sofort verschlang. Mit Genugtuung im Blick schaute er auf Ferhad, der sich unterdessen wieder seinen Dönerspiessen zugewandt hatte. Aus Respekt vor meinem vielfältigen Schweizerwissen lud mich Florian zu einem zweiten Espresso ein. Ferhad wünschte uns beiden zum Abschied noch «Froi Wienachte».


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ vom 24.11.2011

Etwa der Fifa-Blatter?

Yusuf Yesilöz über die Frage, wer eine grosse Persönlichkeit sei

Schon bevor sich die Frau mit den kurzen Haaren und der Brille mit rotem Gestell an die Kasse wandte, sagte der Mann hinter der Theke: «Regula, dini Mann isch sehr, sehr grosse Persönlichkeit!» Regula strahlte über das ganze Gesicht, genoss das Kompliment sichtlich. Hinter Regula stand ein stämmiger Mann, der einen Kopf grösser und doppelt so breit war wie sie. Er hielt eine Coca-Cola-Flasche in der Hand, prostete seiner Frau zu. «Ich habe gut gewählt!», bemerkte Regula verschmitzt und fragte meinen Landsmann, wie viel sie zu zahlen hätten. Dieser rechnete laut: «Du häsch eis Döner, Roger drü, das macht 32 Franken, du häsch eis Cola gha und Roger zwei, das macht nüün. Drei Portionen Baklawa machen zwölf Franken. Kaffee immer ufs Huus. Alles zäme macht das 53 Franken.» Regula bedankte sich für die Kaffees und sagte: «Bis morgen, Ferhad!»

Nachdem Regula und Roger den Laden verlassen hatten, wollte ich von Ferhad wissen, warum der Roger eine sehr grosse Persönlichkeit sei, ob er beispielsweise ein grosse Bank leite oder eine grosse Schafherde besitze, im Sport oder auch im Kulturbereich eine Berühmtheit sei. Er wisse nicht einmal, was der Roger beruflich mache, antwortete Ferhad, das interessiere ihn auch nicht. Für ihn sei nur derjenige eine grosse Persönlichkeit, der auf einmal drei Döner Kebab verspeise und mindestens drei Tage der Woche zum Döneressen komme.

Diese Ansicht entsprach mir nicht, und wir führten den ganzen Nachmittag eine rege Diskussion über die Kriterien, wer als eine grosse Persönlichkeit zu bezeichnen sei. Und ich zählte einige Namen auf: von bekannten Schriftstellern bis zu international anerkannten Wissenschaftlern, von Politikern, die seit über zwanzig Jahren im Parlament nur sitzen, bis zu Spitzensportlern. Ich nannte auch einen katholischen Pfarrer, den ich sogar zu meinem Bekanntenkreis zählte. Nur dort hörte Ferhad mit dem Schneiden der Dönerspiesse auf und blickte mich kurz voller Verwunderung an. Ferhad stellte sein Notebook auf die Theke und suchte im Google die Fotos von all diesen fünfzig Menschen, die ich aufgezählt hatte.

Er betrachtete jedes Foto ganz genau und schüttelte jeweils verneinend den Kopf. Alle diese Männer und Frauen waren für ihn nicht gut genug, um als grosse Persönlichkeiten betitelt zu werden. Denn die Körperfülle von keinem dieser Menschen entsprach dem eines fleissigen Döneressers. Ich müsse mich bemühen, in diesem Land endlich richtige Persönlichkeiten kennenzulernen.

Bevor ich mich verabschiedete, fiel mein Blick auf die vergilbte Gratiszeitung, die er unter eine kleine Kaktuspflanze gelegt hatte. Ich holte die Zeitung rauf. Auf der ganzen Frontseite mahnte Fifa-Präsident Sepp Blatter die homosexuellen Männer freundlichst, im Jahr 2022 in Katar während der WM keinen Sex zu haben, sonst würden sie sich ungeheuren Gefahren aussetzen.

Ich fragte Ferhad im Spass, ob er Sepp zu den grossen Persönlichkeiten zählen würde. Er holte seine Lesebrille hervor, studierte das grosse Foto. Mit Hilfe seiner Finger erkundete er die Körperfülle des Fifa-Präsidenten und schaute mich an: «Das ist eine sehr grosse Persönlichkeit.» Ich sagte ihm etwas schüchtern, dass der Name Blatters der Inbegriff der Korruption geworden sei, wie ich in den Zeitungen immer wieder lese. Ferhad liess sich von mir nicht beeindrucken. Er betonte jedes Wort, dies Mal auf Deutsch: «Er isch sehr, sehr grosse Persönlichkeit!»


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ vom 27.10.2011

Yusuf Yesilöz über absurde WählerInnen

Vorwurfsvoll hatte Ruth am Telefon gefragt, warum ich mich seit zwei Wochen nicht gemeldet habe, ob ich mich etwa aus der Schweiz desintegriert hätte. Ich stieg sofort auf mein Fahrrad und radelte den Hang hinauf zu ihrem Haus.

Vor Jahren, kurz bevor ihr Sohn Ueli der Schweiz den Rücken kehrte und die Tochter Madeleine mit fünf Kindern und einem Mann genug um die Ohren hatte, hatte ich als Daheimgebliebener Ueli versprochen, dass seine Mami auch meine Mami sei, und mich verpflichtet, sie jede Woche zu besuchen. Anfangs las die Germanistin im Ruhestand für mich ganze Buchkapitel vor, mal von de Beauvoir, mal von Kleist, diskutierte beim Kaffee und Zitronenkuchen eifrig über die meisterlichen Worte. Ruth war überglücklich, wenn ich die Woche darauf immer noch wusste, welche Blume die Buchfigur liebte. Heute sieht Mami Ruth die Buchstaben nicht mehr so gut, jetzt bin ich an der Reihe mit Vorlesen.

Kaum kam ich zur Türe hinein, fragte sie mit ihrer rauhen Stimme, was in der Welt so vor sich gehe. Ich erzählte ihr etwa von der Sorge der Einwanderer über den Erfolg der helvetischen Rechtsaußen bei den Wahlen. Das alles interessierte Ruth wenig. Dieses Klagelied könne ich ihr in vier Jahren noch singen, das würde sich ganz bestimmt wiederholen, heute wolle sie etwas über die Nacktwanderer hören, über die nämlich das Radio kürzlich berichtet habe. Das Wort Nacktwanderer betonte sie so stark, als würde sie von einer Kobra in ihrem Schlafzimmer sprechen.

Wir setzten uns an den Küchentisch. Ich solle ihr tupfägenau erklären, wie diese Menschen ohne Kleider durch die Dörfer und Täler laufen. «Eben, Menschen wandern nackt», antwortete ich uninteressiert. «Auch Frauen?» fragte sie. «Wahrscheinlich schon.»

«Jesses Gott!», rief Ruth in die Luft, nachdem sie uns mit zitternden Händen Kaffee einschenkte und den Zitronenkuchen schnitt. Ich erzählte ihr, dass das Thema mich nicht gross kümmere, aber von den Zeitungsartikeln sei mir geblieben, dass Menschen ihr Nacktwandern damit begründen, dass sie sich in den wenigen Stücken Natur, die es noch gebe, frei bewegen wollten. Wer sich dadurch provoziert fühle, habe ein Problem mit sich selber. Man nehme in Kauf, dass man Nacktwandern als ein «genitales Sendungsbewusstsein» wahrnehme. Wichtiger sei, die Sonne und die Natur pur auf der Haut zu geniessen.

Ruth nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und kratze sich lange am Haaransatz. Sie zündete eine Zigarette an und liess den Rauch genüsslich in die Luft sickern. «Seg emal, laufed die würkli füdliblutt umenand?»

Ich schaute für sie ihre Zeitungen der ganzen Woche durch und stiess auf ein Foto, auf dem zwei nackte Männer mit Rucksack von hinten auf einem Kiesweg abgebildet waren. Ruth zog ihre Brille an, die mit den dicken Gläsern wie eine Lupe aussah, betrachtete das Foto so genau wie ein Schmied es mit dem Gold macht. Sie sehe leider nicht mehr so gut, murmelte sie vor sich hin. Dann brach sie in schallendes Lachen aus, so dass die Fenster klirrten. «Ich gsen da kei Manne, nume öpis Gääls. Die sind au so absurd wie d'Wählerinne vo Rechtsusse, wo no e Schwiiz puur mit nume puurä Buure sueched.»

Ich liess mich von ihrem Lachen anstecken und las ihr noch ein paar andere belanglose Nachrichten vor. Sie hörte kopfnickend zu. Wie jedes Mal musste ich ihr die ganzseitigen Zeitungsinserate mit den herabgesetzten Preisen vorlesen. Laut rechnend verglich Ruth die Preise der einzelnen Artikel.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ vom 22.09.2011

Eine steile Karriere

Yusuf Yesilöz über seine Unterwäsche, die in Toni Brunners Haus gewaschen wurde.

Im Wahljahr beziehen Schweizer Parteien «sehr klare Positionen». Professionell inszenierte Antlitze von Männern und Frauen, die gewählt werden wollen, lächeln uns von den Plakaten an. Ein beträchtlicher Teil dieser friedliebenden Zivilisierten will plötzlich wieder viele Kampfjets kaufen. Bekanntlich weiss man, was ein Kampfjet macht. Haben sie kein etwas harmloseres Wahlthema?

Die SVP dominiert mit ihrem einzigen Thema Einwanderung und viele andere steigen auf ihr Thema ein. Am liebsten will die Partei, deren Chef ein Bauernsohn, ein aus Herrliberg ferngesteuerter Satellitenpräsident ist, eine einzige Türe zur Schweiz bauen, ihre Männer, bewaffnet mit Gewehren der Schweizer Armee, davor stellen, und nur die Menschen reinlassen, deren Farbe, Religion und – viel wichtiger – Geldsack reinpassen.

Ich war vor vierundzwanzig Jahren einer dieser unerwünschten Einwanderer. Ich lebe noch heute in der Schweiz, nehme teil am Leben hier, habe sogar Kinder gemacht, besuchte einmal ein Jodelkonzert, habe viele Schweizerfreunde, weder wollen sie mich ausschaffen, noch will ich für sie irgendetwas Gefährliches anschaffen.

Die Rechtsaussen-Partei mag weiterhin mit der asyl- und fremdenfeindlichen Politik punkten wollen, aber im Haus ihres Chefs Toni Brunner wurde die Unterwäsche eines Asylbewerbers gewaschen. Diese Geschichte ist weder ein orientalisches Märchen, noch ist sie literarisch gefärbt, sondern ist ein Tupfer Wahres.

Auf folgendem Weg fand nämlich meine Unterwäsche das Haus Brunners: Wir haben Zürcher Freunde, die neben Brunners Hof auf dem Bendel im Toggenburg ein Ferienhaus haben. Wir besuchen sie oft dort, bleiben auch mehrere Tage bei ihnen. Einmal stieg die Waschmaschine aus und wir mussten die Wäsche zu Brunners bringen, Mutter Brunner liess uns ihre Waschmaschine benutzen.

Ich kaufte, wenn ich auf dem Bendel war, unsere Milch vom Vater Brunner. Ich erinnere mich sehr gut an das Bild des Vaters, als ich das erste Mal in den Stall kam. Er hatte den Melkhocker an seinem Gesäß festgebunden, brachte die Melkmaschine von einer Kuh zu der anderen. Bevor ich ihn grüsste, sagte ich zuerst, dass ich zwei Liter Milch kaufen wolle, er grüsste mich zurück, ganz normal. Ich hatte ja auch kein Dolch dabei, sondern nur mein Portemonnaie.

Das ist eine kleine Geschichte aus dem Schweizeralltag. Das Land Schweiz funktioniert als Ganzes. Zu diesem Ganzen gehören alle Menschen hier. In diesem Land kommen Immigrierte und Einheimische täglich millionenfach in reibungslose, bereichernde Berührungen, auch wenn Brunners Partei bestimmte Ausländergruppen für ihre Wahlzwecke zu oft auf Kriminelle reduziert.

Brunner sagte einmal im Schweizer Fernsehen, dass seine Familie für 11 Kühe jährlich x Tausend Franken Subventionen bekommen würde, wie Dutzendtausend andere Bauern auch. Ob er vom Staat einfach dieses Geld bekäme, ohne die arbeitenden Menschen in diesem Land, dazu mehr als eine Million Ausländer?

Politik, Wahlen, Zahlen beiseite. Meine Unterwäsche, die im Hause Brunner gewaschen wurde, machte eine steile Karriere. Ich trug sie seitdem nicht mehr, hüte sie wie mein Augapfel, denn sie haben einen grossen antiquarischen Wert, der von Wahlen zu Wahlen steigen wird. Ich versteigere sie erst dann, wenn Toni nicht mehr der Chef der Partei ist.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ vom 1. September 2011

Yusuf Yesilöz über einen Sorgensammler

Ueli Zimmer alias Ilja war bei mir zu Besuch. Er lebt in einem Städtchen am Meer als mobiler Psychoanalytiker. Früher war Ueli so links, so dass er niemandem die rechte Hand geschüttelt hat. Wenn mit einer Frau flirten wollte, schloss er sein rechtes Auge und entschied sich erst für die Frau, wenn sein linkes Auge ihn von der Ausstrahlung der Frau überzeugt hatte.

Uelis grosse Stärke ist, dass er alles psychologisiert. Wenn ich ihm beispielsweise einen Tomatensalat auftische, analysiert er anhand der Tomatenfarbe die Psyche des Produzenten. Er wollte in den wenigen Tagen im Sommer hier die Ängste und Sorgen der Schweizer Bevölkerung analysieren. Es reichte ihm nicht, wenn ich ihm sagte, das bröckelnde Bankengeheimnis oder die vier winzigen Schweizer Minaretten oder gar der ultrastarke Franken seien die grössten Sorgen. Nein, Ueli wollte alles mit den eigenen Augen sehen.

Im vollen Bus schaute er in die Augen des Mannes, der ihm gegenübersass, und erzählte mir schon von dessen Sorgen, die er in den traurigen Augen gelesen haben wollte. Ich meinerseits nahm eine Pendlerzeitung in die Hand. Nicht, dass ich mir einen Artikel mit grossem Informationsgehalt wünschte, ich wollte nur nicht in die Augen meines Gegenübers schauen und mir seine Analyse meiner Sorgen sparen.

Auf einer Seite der Pendlerzeitung stiess ich auf einen Artikel eines Ratgebers. Ein junger Mann stellte dem Berater der Zeitung folgende Frage: «Lieber Herr Huber, immer nach dem Sex stellt sich mir, der ich 18 Jahre alt bin, die Frage, wohin mit dem gebrauchten Kondom. Werfe ich es ins Klo, riskiere ich, dass es verstopft. Schmeisse ich es in den Papierkorb, sehen es womöglich meine Eltern. Was gibt es noch für Möglichkeiten?»

Der verständnisvolle Berater antwortet: «Lieber Markus, tatsächlich gehören Kondome nicht ins Klo. Der Papierkorb oder die Hauskehrichtsack sind da eindeutig besser geeignet. Um dir die Vorstellung zu ersparen, dass deine Eltern beim Wühlen im Müll auf gebrauchte Kondom stossen und ihre Hände nass machen, kannst du diese ja künftig in Papier einwickeln.» Ich zeigte es Ueli, er schrieb das Ganze in sein Heft.

Wir stiegen aus und in der Einkaufsgasse sprachen wir im Regen mindestens zwei Stunden Passanten an. Es gelang uns endlich einen stämmigen Mann anzuhalten. Er aber fragte nur: «Händ ihr überhaupt ä Bettelbewilligung?», und lief schimpfend davon, ohne von seinen Sorgen zu erzählen. Ich entdeckte dann eine Frau, die an Krücken lief. Nicht weil sie bei uns angehalten hätte, sondern weil sie nicht schnell lief, konnten wir sie ansprechen. Sie wollte nicht stehen bleiben und sagte mit einer sorgenvollen Stimme, sie habe keine Zeit, Umfragen zu beantworten. Dafür sei sie zu alt und sie müsse ausserdem rechtzeitig bei der Marta sein, es beginne bald der Match der Nati gegen Lichtenstein, sie wolle Benaglio in seiner vollen Grösse an Martas grossem Bildschirm sehen.

Dann hatten wir Hunger, den wir in einem Kebabgeschäft eines Landmannes stillen wollten. Dieser war traurig, weil er an dem Tag nicht auf den gewünschten Umsatz gekommen war. Es sei regnerisch gewesen, deshalb seien Kunden fern geblieben. Er schimpfte über die Klimaänderung. Das Schwierige stehe ihm noch bevor, weil er am Abend seiner Mutter im Heimatdorf telefonisch den tiefen Umsatz begründen müsse.

Ueli kaufte am Flughafen Schweizerschokolode für seine Kinder. Ich kehrte erleichtert zurück. Und hatte eine Sorge weniger.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ vom 30.06.2011 2011

Yusuf Yesilöz wird aufgeklärt über Umweltschutz

Eine Frau mit halbgrauen Haaren und im orangefarbenen Pullover bestellt im Zug beim afrikanischen Minibarverkäufer Kaffee und zahlt vier Franken. Der Kaffee kostet drei Franken und neunzig Rappen. Der Kaffeeverkäufer ist vom Betrieb her verpflichtet, sich für die zehn Rappen Trinkgeld zweimal zu bedanken: einmal, wenn er das Geld entgegennimmt, und ein zweites Mal, wenn er seinen Wagen zu stossen beginnt. Die Kaffeetrinkerin, sie trinkt ihren Kaffee ohne Zucker, erweist sich während des Rests der Zugreise als Umweltschützerin, wie sie ihrer Mitreisenden erzählt, die ihr teilnahmslos und stumm wie ein Fisch zuhört:

«Ich verstehe mich auf jeden Fall als Umweltschützerin. Keine Frage!», beginnt die Umweltschützerin nach dem ersten Schluck Kaffee: «Wir freuen uns, das Leben jetzt endlich zu geniessen. Seit unsere Kinder die Ausbildung beendet haben, pflege ich mit Urs gemeinsame Städtereisen zu unternehmen, im Durchschnitt fünf- bis sechsmal im Jahr. Wir machen nur noch Kulturelles. Wir haben uns versprochen, dass wir Strecken, die weniger als drei Fahrstunden sind, mit dem Zug zurücklegen.

Keine Frage, dass ich im Hotel ein Badetuch drei Tage hintereinander brauche. Wenn alle Hotelgäste dies machen würden wie wir, wie viel Wasser und chemisches Waschmittel liesse sich sparen? Wir wärmen unser Wasser zu Hause jetzt mit Sonne. Ich habe Urs allerdings erst davon überzeugen können, Sonnenkollektoren zu montieren, als der Ölpreis vor vier Jahren massiv stieg.» (Sie lacht laut.)

«Kürzlich kauften wir einen LCD-Fernseher, weil wir annehmen, dass diese neuen Apparate weniger Strom verbrauchen. Der alte Fernseher steht aber immer noch im Kinderzimmer. Wenn sie mal da sind, wollen wir bei der ‹Tagesschau› nicht gestört werden. Ihre Zimmer sind immer noch so eingerichtet wie damals. Das Haus ist ohne meine Kinder etwas zu leer, aber einmal am Abend pflege ich alle Lichter anzumachen, weil ich so meine Kinder spüren kann.

Nach der Katastrophe in Fukushima habe ich angefangen, bewusst weniger Strom zu verbrauchen. Ich habe eingeführt, dass ich den Kaffee ohne die Untertasse serviere. Urs fuhr zu Manfred, dieser hat uns mit dem Computer im neusten Excel-Programm in drei Stunden berechnet, dass wir dank dieser Änderung in Zukunft zehn Prozent weniger abwaschen werden.

Schau mich nicht so verdutzt an. Dass Urs zu Manfred mit dem Auto gefahren ist, ist nicht so schlimm, denn unser Auto ist ein Hybridmodell. Ausserdem habe ich auch aufgehört, die Haare zu föhnen, ich lasse sie an der Luft trocknen, das ist sogar um einiges gesünder. Urs trägt an den Wochenenden nur T-Shirts, die muss man nicht bügeln. Als er kürzlich zu Frau Frattini fuhr, sagte er ihr klipp und klar, dass sie seine Hemden etwas weniger bügeln soll, also sie darf für jedes Hemd höchstens eine Minute brauchen. Er will seine Hemden in Zukunft mit unserem Auto abholen, weil Frau Frattinis alter Wagen viel mehr Benzin verbraucht.

Ausserdem sind wir in einer Diskussion, dass Urs unseren Rasen nicht jedes Wochenende, sondern nur noch alle zwei Wochen mäht. Der Nachbar machte die krasse Empfehlung, Urs solle keinen elektrischen Rasenmäher brauchen, sondern einen mechanischen auftreiben. Dabei hat mein Urs aber Probleme mit den Schultern. Er wird ja nicht jünger.» (Sie lacht.)

Aufgeklärt über den Umweltschutz, stieg ich aus dem Zug und stellte mir laut die Frage, wie sauber unsere Umwelt wohl wäre, wenn sieben Milliarden Menschen dieser Welt über den Wohlstand meiner Mitreisenden verfügen würden.


Wochenzeitung WOZ vom 02.06. 2011

Yusuf Yesilöz über das Wahljahr und Läuse

In der Schweiz ist wieder einmal ein Wahljahr. Nicht dass ich die Wahlen nicht gerne habe, ganz im Gegenteil: Ich schätze die Demokratie sehr, und gehe – im Gegensatz zu zwei Dritteln der SchweizerInnen – jedes Mal an die Urne, sei es nun für die Nationalratswahlen oder wenn es um die Erweiterung eines Gehsteigs um zehn Zentimeter geht.

In einem Wahljahr bin ich jedoch besorgt, weil ich von den letzten Abstimmungen weiss, dass eine Partei namens SVP die MigrantInnen auf Themen wie Kriminalität reduziert und so gegen Minarette und für Ausschaffungen eine Mehrheit hinter sich bringt.

Was werden wir Glücklichen in einem Wahljahr nicht alles versprochen bekommen! Uns werden PolitikerInnen von einem Plakat anlächeln. Wir werden wieder das ganze Wahljahr mit Statements der PolitikerInnen überhäuft werden, die sie mithilfe von gewieften BeraterInnen lange eingeübt haben. Wir werden die Meinung der Intelligenzija dieses Landes zu den Themen leider vergeblich suchen. Ein ganzes Jahr sollten Herr und Frau Schweizer ja sorgenlos schlafen können, weil die PolitikerInnen für sie über alle Probleme und die Zukunft nachdenken. Wie auch vor den letzten Wahlen.

Wir werden das ganze Jahr (und ich befürchte, wohl auch die vier Jahre darauf) den alten Mann Christoph Blocher in den Medien bestplatziert sehen.

Ob wir es wollen oder nicht, werden wir sein Bild anschauen und seine Ausführungen lesen, wie er – und natürlich nur er – die Schweiz vor den Bösen retten wird! Weil kein anderer diese Gabe hat. (Für die MigrantInnen in diesem Land, die 26 Prozent aller AHV-Beiträge zahlen, ist es ja nicht nötig, sich an die Urne zu bemühen. Wenn Blocher mit seiner Truppe die Schweiz rettet, werden auch sie mitgerettet!)

Spass beiseite, Christoph Blocher ist leider wieder omnipräsent. Er blickt durch, weiss, dass er im Kanton Zürich nicht als Ständerat gewählt wird. Blocher weiss aber, dass, wenn er auftritt, alle über ihn berichten. Eine Boulevardzeitung beispielsweise wird auf der Frontseite berichten: «Blocher droht der Justizministerin Sommaruga wegen der Ausschaffungen!»

Wir sind Opfer unserer Neugier, sind verdammt, am Kiosk bei der Zeitung haltzumachen und Blochers Drohung zu lesen. Wir werden feststellen, dass dabei nichts Neues ist, dass er einfach alle, die ihm nicht passen, rauswerfen oder eliminieren will. Wir werden uns erinnern, dass er immer drohte; je mehr der Alte drohte, desto reicher und mächtiger wurde er. Eine andere Zeitung wird ihn grossflächig interviewen über die Zukunft der Europäischen Union (EU), ein Thema, von dem er sehr wenig weiss. Er wird den Untergang dieser Gemeinschaft von 400 Millionen Menschen prognostizieren. Die ProfessorInnen aller Universitäten der EU müssten sich überflüssig vorkommen!

Ironie der Geschichte ist, dass der «arabische Frühling», der den Menschen Freiheiten versprach, auch seine Flüchtlinge produzierte, die im Schweizer Wahljahr Blocher und seinen Untergebenen einen grossen Bonus zuspielen. Der Herrliberger wird Herrn und Frau Schweizer weismachen, dass nur er die unerwünschten Flüchtlinge rauswerfen kann. Und punkten!

Christoph Blocher bringt der SVP Wahlerfolge. Was aber bringt Christoph Blocher der Schweiz? Hätte ich seinen Erfolg der letzten Jahre meiner Grossmutter geschildert, so hätte sie wohl ihre buschigen Augenbrauen hochgezogen und gesagt: Er ist halt nur eine auf dem Kopf bestens genährte Laus, die nicht rauszukämmen ist.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, Mai 2011

«Rechnunglar icin»

Yusuf Yesilöz lässt sich im Fachhandel integrieren

Ich ging kürzlich in ein Computergeschäft. Kaum trat ich über die Türschwelle, kam mir ein junger, stämmiger Verkäufer entgegen und begrüsste mich überschwänglich. Schon als ich sein Namensschild mit dem türkischen Namen darauf betrachtete, fragte er, ob ich ein Türke sei. Ich sagte, dass ich Türkisch könne. Der Geschäftsleiter würde es sehr schätzen, wenn man den Kunden in seiner Muttersprache bediene, sagte er und fragte höflich, ob er mit mir Türkisch sprechen dürfe. Selbstverständlich, sagte ich. Er hielt die Handfläche auf einen Computer, streichelte den Apparat: «Bu Compüter süper. Aber biraz teuer. Siz Grafikkarte ve Videoschnitt und sozeugs yaparsaniz, isch nöd mega guet.»

Ich sagte ihm, dass ich nur die Text­verarbeitung bedienen könne, dass ich schon deshalb nicht einen teuren Apparat zu kaufen brauche, worauf der Verkäufer mir vorschlug, dass ich doch «Migros-Clubschule de kursbesuche» könne. Darauf sprach er wie ein Lehrer, betonte jedes Wort: «Compi lernen isch hützutag ein Muss, weil wir in Compiziit yasiyoruz.» Ich bestätigte seine Aussage nur mit einem Kopfnicken.

Er drehte noch eine Runde durch die Regale, summte etwas vor sich hin und blieb bei einem anderen Computer stehen. Er nahm ein Gerät in die Hand, stellte es auf den Tisch, schaltete es ein, sprach weiter. Er bot mir sogar einen Kaffee an, den ich aber dankend ablehnte. Den Kunden Kaffee anzubieten, das habe er im Geschäft eingeführt, bemerkte er mit nicht wenig Stolz. Ich sagte, dass das gut für die Kundenbindung sei. Er kam auf den Computer ­zurück:

«Su yeni Compüterler billig, aber mega cok sey var druf. Zum Bispiel: Skype var, telefon gratis yapiyorsun Turkiye ile. Microsoft Frontpage ile Internetseiteni umändere yapiyorsun. Microsoft Powerpoint ile zum Bispiel bir Vortragi an die Wand gösteriyorsun. Microsoft Outlook ile emaillerini abrufe yapiyorsun. Microsoft Excel isch mega super Rechnunglar icin.»

Ich fand Gefallen an seinem helvetischen Türkisch und sagte meinem Landsmann, ich stamme ursprünglich aus einem Dorf, sei auch deshalb in dieser Techniksprache nicht besonders gut. Diese Begriffe auf Deutsch zu hören sei für mich wie Kreuzworträtsel in einer mir unbekannten Sprache zu lösen. Ob er mir denn erklären könne, was «Frontpage» auf Türkisch heisse. Ich doppelte nach, dass ich wirklich am Kauf interessiert sei, und anstatt von einem anderen, würde ich mich lieber bei einem freundlichen Landsmann, wie er einer ist, beraten lassen.

Zuerst bedankte er sich für das entgegengebrachte Vertrauen. Dann stöhnte er laut, kratzte sich einen kurzen Moment an der Schläfe. Moment mal, rief er plötzlich aus, er rufe einen türkischen Arkadas an, der baska ­Filiale de Geschäftsführer sei. Er holte sein iPhone aus der Hosentasche, wählte die Nummer. Hier gebe ich sein kurzes Telefongespräch eins zu eins wieder:

«Hoi Murat, da isch Burak. Weisch, bizim huära Filialleiter mit den Chunde Muttersprache rede istiyor. Simdi bir Landsmann da, voll nöd integriert! Stell dir das vor, hey Mann! Er verstoht keis Wort Dütsch! Frontpage nedir diyor auf Türkisch. Wie chan ich ihm das erkläre? Säg mir wie?!»

Was der Kollege ihm darauf drei Minuten lang am Telefon erzählt hat, weiss ich beim bes­ten Willen nicht. Mir sagte der Verkäufer, dass sein Landsmann gesagt habe, in der ganzen Schweiz könne überhaupt niemand dieses Wort auf Türkisch sagen. Ich könne den Compi kaufen, und er werde mir die türkische Übersetzung des Wortes irgendwann per E-Mail schicken.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, April 2011

Der belesene Politiker

Yusuf Yesilöz über eine Begegnung im Zug

Kürzlich fuhr ich während der Sessionswoche mit dem Zug von Bern nach Zürich. Dass um die Mittagszeit ein Mitglied des Nationalrates in der zweiten Klasse mitreiste, überraschte mich so sehr, als schiene der Mond in mein Abteil. Wie Prominente es so tun, schaute der Mann zunächst jeder Person direkt in die Augen. Ich nahm an, mit den fragenden Blicken wollte er sehen, ob man ihn erkenne. Der Politiker trug einen Zeitungsstapel mit sich, der mindestens fünfzehn Zentimeter dick war: von der Pendlerzeitung bis zur Migros-Zeitung, von den vielen Tageszeitungen bis zur WOZ.

Die Geschicklichkeit, mit der er die Zeitungen in Kürze durchschaute und sie dann wie ein Frisbee auf die Ablage warf, imponierte mir sehr. Die Kulturseiten warf er ohne hineinzublicken auf die Ablage. Den Auslandteil erledigte er, indem er kurz das Aufschlagbild anschaute. Die Inlandseiten sah er aber Seite für Seite durch, jedoch ohne auch nur einen Artikel zu lesen. Bei den Werbungen und den Todesanzeigen verweilte er kurz. Zwischendurch lockerte er seine Krawatte, die er am Ende dieser Reise gänzlich abnahm. Die mindestens acht Zeitungen hatte der Mann in dreizehn Minuten durchgesehen. Dann, als alle Zeitungen auf der Ablage gelandet waren, widmete er sich seinem iPhone.

Die Frage, was dieser Politiker in dreizehn Minuten in den vielen Zeitungen gesucht hatte, liess mich nicht los, und so spekulierte ich: Eventuell suchte er im Wahljahr sein Foto oder seinen Namen. Ich nahm meine zwei Tageszeitungen in die Hand und suchte den Namen meines Gegenübers. Nach dreissig Minuten wurde ich in einem Leserbrief fündig: Ein gewisser Herr Huber schrieb, dass der besagte Nationalrat, der ansonsten im Parlament ein Hinterbänkler sei, aber viele Verwaltungsratsmandate innehabe, sich noch vor kurzem für den Erhalt des AKW Mühleberg eingesetzt habe. Man dürfe solche Politiker nicht mehr wählen.

Unser Zug passierte weitere Tunnels, liess Land- und Ortschaften zurück. Ich wollte meinem Gegenüber doch eine Freude machen: «Herr, darf ich Sie ansprechen?», fragte ich ihn so zurückhaltend, als müsste ich den Wächter einer Bank um den Schlüssel des Tresors bitten. «Ja bitte, was wollen Sie wissen?», kam die Antwort, nicht gerade in einem freundlichen Ton, wie aus einer Pistole geschossen. Er müsse im Zug arbeiten, doppelte er noch nach. Ich begann schon: «Sie sind doch Herr Nationalrat Sowieso, nicht wahr?» Ein frohlockendes Lächeln husch­te über sein Gesicht, sein Ton wurde weich wie Baumwolle. «Ja, das bin ich!», sagte er und wandte sich wieder seinem iPhone zu. Ich liess ihn aber nicht in Ruhe: «Ich kenne Sie. Sie sind heute auch in der Zeitung erwähnt worden!» Er legte das Gerät auf seine Knie, blickte mich verdutzt an und fragte, ob ich Deutsch lesen könne. «Ja, schon ein bisschen», meinte ich verschmitzt, «wenigstens die Namen der Politiker. Dafür braucht man ja nicht viel zu können.»

Ich unterstrich seinen Namen mit einem Bleistift und überreichte ihm die Zeitungsseite. Er aber wandte sich seinem Zeitungsstapel auf der Ablage zu, fand erst auf den zweiten Griff die Leserbriefseite, die irgendwo dazwischen lag, betrachtete nachher den Artikel mit einer sauren Miene, als habe er in eine rohe Zwiebel gebissen. Er steckte die Seite in seinen Aktenkoffer. Er politisiere gerne, sei schon umweltfreundlich, aber ..., sagte er und stieg aus. Er lief schnellen Schrittes davon, ehe ich ihn nach dem «aber» fragen konnte.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, März 2011

Der Beduine hatte Geld

Yusuf Yesilöz über die Beziehungen Europas zu Arabien

In vielen arabischen Ländern haben sich seit Beginn dieses Jahres die Volksaufstände wie ein Waldbrand ausgebreitet. Unerwartet war der Zorn der aufgebrachten Massen, der die diktatorischen Regimes in Schrecken versetzte. Das Unmögliche wurde möglich: Die Aufständischen haben Berge versetzt!

Die Demonstrationen sind für mich ein Hilfeschrei der Erniedrigten gegen ihre fürchterlichen Machthaber. Die zutiefst verletzte Menschenwürde hat nichts zu verlieren. Wer sich gegen die Söldner Muammar al-Gaddafis auflehnt, ist sich der Gefahr bewusst und nimmt gar den Tod in Kauf. Die belogene, ihrer Zukunft beraubte Jugend nutzt die Möglichkeiten der technischen Entwicklung und mobilisiert.

Eine Ironie der Geschichte ist es, dass Mubarak, Ben Ali oder Gaddafi, also die langjährigen Freunde des industrialisierten Europas, in unseren Massenmedien über Nacht als Despoten deklariert wurden. Noch vor sechs Monaten bezeichnete die deutsche Kanzlerin Angela Merkel den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in seiner Anwesenheit als «Garant der deutschen Interessen». Für diese Ehrlichkeit muss man der Politikerin durchaus gratulieren!

Das witzige Bild aus Italien ist noch frisch in Erinnerung, als Silvio Berlusconi «den Freund Italiens» Gaddafi am Flughafen mit rotem Teppich empfing, die beiden Männer sich lange umarmten und einander Wangenküsse austeilten. Jörg Haider, ein notorischer Ausländerfeind in Österreich, war ein enger Freund der Familie Gaddafi. Warum plötzlich diese Sympathie für einen Beduinen? Der Beduine hatte halt Geld!

Und wir haben uns längst ans Ritual gewöhnt, dass die Schweizer Banken jahrelang Gelder aus aller Welt annehmen und dann nach dem Sturz eines Diktators seine Schweizer Konti gesperrt werden, wobei die Summe der gesperrten Summen jedoch vorläufig geheim gehalten werden.

Der Westen, der die despotischen Regierungen jahrzehntelang unterstützte, hat sich nach einer kurzen Verzögerung rhetorisch auf die Seiten der Aufständischen gestellt. Das ist schon mal gut, aber von einer Selbstkritik noch weit entfernt.

Gewiss dürfen wir für die miserable Lage der grossen Mehrheit in den arabischen Ländern nicht allein die Industrieländer verantwortlich machen. Die Regierungen Europas haben aber gewusst, wie Menschen dort unwürdig behandelt und systematisch gefoltert wurden.

Europa war nicht aus Liebe zu Gaddafi und Mubarak oder irgendeinem sozialen Austausch zum Freund dieser diktatorischen Regimes geworden, sondern allein wegen eigennütziger Interessen. Günstige Erdöl- und Gaslieferungen und die Gelder dieser Machthaber, welche sie in viele Länder Europas schleusten, waren willkommen. Wer glaubt, dass diese Gelder - allein aus Libyen spricht man von siebzig Milliarden US-Dollar - eines Tages an die Menschen dieser Länder zurückgezahlt werden, wird bitter enttäuscht werden.

Diktatoren in aller Welt haben eines gemeinsam: Sie verhindern, dass politische und demokratische Institutionen sich etablieren. Dabei sind ihnen alle Mittel recht. Sie schrecken weder vor Folter noch vor Erschiessungen zurück. Glücklicherweise lehrt uns die Geschichte, dass kein Diktator den Menschen ihre Seele, ihre Hoffnung und das Denken rauben konnte.

Sind wir ans Ende der Unterstützung für die Diktaturen gelangt? Ich bin nicht so optimistisch, solange in unserer Welt die Geldgier und die Profitgelüste über das Bewusstsein für das Recht der anderen obsiegen.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, Februar 2010

Mit Scharf zum do ässe

Yusuf Yesilöz über ein Kebabgeschäft mit Namen Bankgeheimnis

In jeder Schweizer Gasse, sogar auf Autobahnraststätten trifft man auf Kebabläden, wo es nach gebratenem Fleisch riecht. Wie diese Läden entstehen, wer ihre Inhaber sind oder wer die Kundschaft ist, wäre sicherlich einer gründlichen Nationalstudie wert. Die ForscherInnen würden wahrscheinlich schreiben, dass Kebabläden Wesentliches zur wirtschaftlichen und kulturellen Vielfalt der Schweiz beitragen, für die körperliche Entwicklung der Jugend einen grossen Beitrag leisten und dazu noch die berufstätigen Mütter entlasten.

Auch die Namen dieser Kebabläden erzählen Geschichten. Hier eine kurze Auswahl: «Aare Kebabhuus – das Bescht», «Rhein Kebab House – Fleisch ist Leben», «Säntis Kebab Food – The best from Switzerland», «Matterhorn, Big Kebab und Pizza» oder «Zermatt Kebab – Da essed Sie wii dähei.»

Ich habe das Gefühl, dass Kebabläden für mich ein Magnet sind. Egal wo ich hingehe, befinde ich mich ungewollt vor einem. Weil kürzlich der ungewöhnliche Name «Kebab Ba.Geh.» mich neugierig machte, ging ich ohne zu zögern hinein. Der Landsmann nahm meine Bestellung entgegen, auf Schweizerdeutsch, fragte der Reihe nach: Kebab im Fladebrot, Kebab im Täschebrot, Kebab mit alles, Kebab mit Scharf, Kebab mit ooni Scharf, Koktailsoose, Jogurtsoose, Kebab mit Zwible, Kebab zum do ässe usw. Es war eine grosse Herausforderung, auf all diese Fragen die richtige Antwort zu geben.

Als der Landsmann gerade keine Kunden hatte, fragte ich ihn nach dem ungewöhnlichen Namen seines Geschäftes. Mit etwas Wehmut versuchte er mir zu erklären; was er alles für bürokratische Schwierigkeiten gehabt hatte, bis er seinen Laden eröffnen durfte. Als es darum gegangen sei, einen Namen für das Geschäft zu finden, habe er eine Liste eingereicht, auf der etwa die Namen «Kebab Swiss», «Kebab Zürich», «Kebab Limmat», «Kebab Rhein» usw. gestanden seien. Alle Namen seien schon besetzt von anderen Kebabgeschäften, habe der Beamte ihm mitgeteilt. Und der Landsmann musste an dem Tag nach Hause gehen, deprimiert darüber, dass er auch wegen des Namens eine Hürde der Bürokratie überwinden musste.

Erschöpft warf er sich auf das blaue Sofa, schaltete den Fernseher ein, zappte – bis Mitternacht – von einem Fernsehsender zum anderen. Ihm sei aufgefallen, dass alle Frauen und Männer im Fernsehen eifrig über das Bankgeheimnis sprachen. Da fand mein Landsmann, dass dieser Begriff «Bankgeheimnis» für sein Geschäft passend wäre. So war er erleichtert gewesen wie ein Strohhalm und schlief endlich ein.

Da er aber die zukünftige Kundschaft nicht erschrecken und auch kein Nein des Beamten riskieren wollte, kürzte er am nächsten Tag im Gemeindehaus den Titel auf «Ba.Geh.» Natürlich sagte er dem Beamten, dass diese ungewöhnlichen Buchstaben eine Sure im Koran seien. Das fand der Beamte sehr schön und wünschte dem Geschäftsmann eine schöne Zukunft in der Schweiz.

Jetzt denken einige Kunden, dass der Name des Ladens auch sein eigener Name sei. So kämen junge SchweizerInnen herein und grüssten ihn mit den Worten «Hoi Bageh, Kebab im Fladenbrot und scharf, bitte!» Der Name des Ladens sei wirklich geschäftsfördernd gewesen, sagte mein fröhlicher Landsmann beim Abschied. Er habe ihm einen grossen Erfolg beschert. Und Junge mit muslimischem Hintergrund würden in Scharen in sein Geschäft kommen, denn es habe in kurzer Zeit weit die Runde gemacht, dass «Ba.Geh.» eine Sure im Koran sei. Da dächten sie, dass es sicher Helal-Fleisch wäre, also von einem nach muslimischer Art geschächteten Tier. Wir beide lachten. Ihm gehe es ja nur darum, seine Familie zu ernähren.


Kolumne in der Wochenzeitung, Januar 2011

Lesen in Achtungsstellung

über den Unterhaltungswert der Armee

Schon als ich vor dreiundzwanzig Jahren in die Schweiz kam, war die Armee hier zu Lande ein heisses Thema. Das erste Flugblatt mit dem Aufruf „ARMEEABSCHAFFEN!" bekam ich damals von einem Insassen einer psychiatrischen Klinik, wo ich Kaffee servierte. Die siebenunddreißig Prozent der SchweizerInnen, die später diesem Aufruf folgten, galten für mich lange Zeit als Irre. Gott sei Dank durfte ich in der Schweiz bleiben und konnte mein falsches Bild korrigieren.

Die einen wollten «das teuere Spielzeug Armee» immer abschaffen. Die anderen wiederum bezeichneten sie enthusiastisch als «die Schweizer Perle». Die Frage, was die Armee, seit ich in der Schweiz bin, für das Land gemacht hat, muss ich mit einer grossen Null beantworten. Mit guten Gewissen behaupte ich, dass ich als ehemaliger Asylbewerber für die Schweiz viel viel nützlicher bin als die Armee. Wenigstens zahle ich jedes Jahr Steuern - ohne irgendwelche Hinterziehung. Und die Armee schluckt bloss sehr viel Geld, ob beim Einkauf von treffsicheren Waffen oder von neuen Computersystemen, die so einfach siebenhundert Millionen Schweizer Franken kosteten und dazu noch unbrauchbar waren.

Die Schweizer Armee hat ein offensichtliches Problem, sich und ihre hohen Ausgaben zu legitimieren. Die Stellungnahmen der Armeefunktionäre geben schon deshalb Anlass zu erstklassigen Witzen. Armeebundesrat Ueli Maurer findet die Armee wichtig, weil man da kameradschaftliche Bünde für das Leben schliesse. Wir fragen Herrn Bundesrat, ob ein Männerturnverein dafür nicht etwas günstiger wäre.

Und würde Armeechef André Blattmann wöchentlich Interviews geben, müssten sogar die Kabaretthäuser dicht machen. Denn dieser setzt die Latte der Unterhaltung so hoch, dass keine KünstlerInnen ihn übertreffen können. Seine Sätze fallen wie Körner vom Himmel, wenn der Armeechef für uns die Gefahren auflistet, die in Europa drohen, und wie er das Land dagegen verteidigen will:
«Migrationsströme können einen Armeeeinsatz erfordern. Denken Sie nur an Griechenland. Plötzlich steht in einem EU-Land ein Staat vor dem Bankrot. Oder denken Sie an die Klimaerwärmung für überbevölkerte Staaten Afrikas. In Europa könnten Situationen entstehen, die man sich heute gar nicht vorstellen kann. Dann braucht es die Armee, um die Sicherheit zu gewährleisten!»

Als Bürger lernte ich in der Türkei, wie am Boden angenagelt stehen zu bleiben, wenn ein Viersternegeneral sprach. Darum lese ich jeden Buchstaben eines Armeefunktionärs mit grosser Disziplin. Und ich ertappe mich sogar dabei, dass ich beim Lesen Achtungsstellung einnehme.

Ich frage mich aber schon, warum der Schweizer Armeechef plötzlich vor den GriechInnen Angst hat. Man kann nur spekulieren. Vielleicht pflegt Herr Blattmann gar enge Freundschaften mit den türkischen Viersternegenerälen? Denn dort wurde mir in der Volksschule statt einer Fremdsprache die weltweit beste Griechenfeindschaft eingeimpft. Natürlich machten auch die Griechen das Gleiche mit der Türkenfeindschaft und kauften die teuersten Waffen, bis sie ihren Staat in den Bankrot getrieben hatten.

Die Schweizer SteuerzahlerInnen sind aber Giizknäpper mit ihren militärischen Führern. Sie wissen nicht, dass zu einem modernen Land auch die Zufriedenheit des Armeechefs gehört. Und dass es für die Identität des Landes ganz wichtig ist, dass der höchste Soldat bei seinen ausländischen Kollegen sich für die verrotteten Schweizer Kampfflugzeuge nicht schämen muss. Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, 09.Dezember 2010


Kolumne in der Wochenzeitung, Dezember 2010

Über grosse Eier und Glarner Politiker - Ein heikles Thema

Wer ein Mal im Monat eine Kolumne schreibt und sich zu den aktuellen Tagesthemen äußern will, wird sich so vorkommen, als würde er sein Pferd erst nach dem Regen zudecken, also nachdem es schon gänzlich nass ist. Die Tagesaktualität kann man auch als einen aufgeblasenen Ballon betrachten. Weht am nächsten Tag ein noch stärkerer Wind, ist vom Ballon nichts übrig geblieben.

Wenn einer sich aber vom Arabischen gewohnt ist, das Blatt von hinten aufzuschlagen, trifft er mit Sicherheit doch noch auf andere interessante Themen. Auf einer hinteren Zeitungsseite stosse ich auf die Information, dass zwei Drittel unserer Schweizer VolksvertreterInnen geschieden sind. Und diese Tendenz soll weiterhin steigen. Da würde ich fast behaupten, dass MigrantInnen, für die in ihrer Dauerfremde ein Familienleben heilig ist, sich allein schon wegen der Scheidungsgefahr nicht für die Schweizer Politik interessieren.
ScheidungsanwältInnen in der Schweiz haben jedenfalls eine sichere Berufszukunft!

Als wichtigstes Scheidungsmotiv wird die zeitliche Belastung unserer VolksvertreterInnen aufgeführt. Unter diesem Argument verstehe ich als Laie Folgendes: Weil der Mann oder auch die Frau wegen den vielen Politsitzungen zum Wohle des Volkes viel abwesend ist, sagt der Mann oder die Frau zu Hause: «Lueg Schätzli, du bisch viil z' viil wäg, dänn muesch gar nüme hei cho! Ii ha mii entschiide. Fertig luschtig!»
Im besagten Zeitungsbericht wurden auch Politiker und Fachpersonen zitiert. Ganz rührend ist beispielsweise der Glarner Ständerat This Jenny mit seinem ehrlichen Geständnis. Er soll seine Frau nur ein einziges Mal betrogen haben. Und das in dreissig Jahren Ehe. Dieser Mann verdient meinen Respekt! Böse Zungen würden die Ehrlichkeit Jennys als ewigen Wunsch des Politikers ansehen, seinen Namen in die Zeitung zu bringen, selbst mit diesem heiklen Thema, und so in seine Wiederwahl zu investieren. Das ist aber eine andere Geschichte.

Jenny sei ehrlich gewesen – das find ii uu härzig – und habe es seiner Frau, unmittelbar nachdem ihm der böse Seitensprung passiert ist, gebeichtet. Und sie, die zu tiefst verletzte Ehefrau, habe ihn gerade rausgeschmissen. Da sieht man, wo die Ehrlichkeit hinführt: Unser langjähriger Volksvertreter esse an den heiligen Feiertagen statt Fondue und Blutwurst in seinem ruhigen Zuhause nur noch Spagetti al dente beim lauten Italiener.
Ich jedoch komme aus einer anderen Kultur und erlaube mir die Frechheit, Jennys auswärtige Liebesaktion mit seiner Absicht zu erklären, ein einziges Mal im Leben global zu handeln und so den italienischen Silvio Berlusconi oder den König Carl Gustav von Schweden oder gar den muslimischen Mohammed nachzuahmen. Und meine Grossmutter würde im Fall Jenny ihre buschigen Augenbrauen hochziehen und sagen: «Das Huhn versuchte ein so grosses Ei zu legen wie das einer Gans und hat sich dabei den Darm aufgerissen.»

Früher, als es noch kein Potenzmittel gab, waren Männer in Jennys Alter viel braver und noch die absoluten Hüter der abendländischen Familienwerte. Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei zu sein. Wahrscheinlich meinte der Schlaumeier aus dem Glarnerland, dass seine Frau es ihm verzeihen würde, genau wie die Nation ihm immer verzeiht, wenn er Unwahrheiten, gekleidet mit billigem Witz und gespieltem Scharm, erzählt. Dabei hat der Politclown wohl kaum damit gerechnet, dass die Reaktion der betrogenen Frau nicht dem Handeln der hinters Licht geführten Wählerschaft entspricht.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, September 2010

Der Haarzopf der Prinzessin

Die Einbürgerung der AusländerInnen in der Schweiz ist zu einem wichtigen Politikum avanciert. Der rote Pass scheint wertvoller zu sein als der Haarzopf einer Prinzessin. Ein beträchtlicher Teil der SchweizerInnen will das teure Gut nicht so einfach verteilen, Einbürgerungswilligen wird in Gesprächen auf den Zahn gefühlt.

Kürzlich fragte mich ein kurdischer Landsmann, der seit 18 Jahren in der Schweiz lebt, ob ich für ihn die Namen der Bundesrätinnen und Bundesräte aufschreiben könne, und wie man diese Zungenbrecher ausspreche. Dieses Wissen brauche er für seine bevorstehende Einbürgerungsprüfung. Ich war sehr stolz, dass mein Landsmann – mit dem breiten Schnauz – sich endlich für die Politik unseres Aufnahmelandes interessierte!

Er erschien dann vor einer Einbürgerungskommission, die ihn auf sein Schweizwissen prüfte. Beispielsweise sollte er sagen, welcher Bundesrat welches Departement führt. Der Landsmann, der das Büchlein «Basiswissen Staatskunde» zwei Wochen lang einstudiert hatte, zählte glücklicherweise die Namen der Bundesräte auf, über ihre Aufgaben brachte er aber nicht viel über die Lippen. Er wusste nur, dass «ein Mann mit Schnauz die Polizei führt». Die Kommissionssprecherin teilte ihm mit, er müsse sich integrieren, bevor er Schweizer werden wolle.

Ich wollte nicht ohne Beweis behaupten, dass die Fragen der Einbürgerungskommission vom Durchschnitt der SchweizerInnen auch nicht richtig beantwortet würden. So machte ich mich für eine kleine Umfrage auf den Weg – im Sack drei der vielen Fragen, die meinem Landsmann gestellt wurden. Zwei Stunden lang versuchte ich auf der Strasse wie Schweizer aussehende Männer und Frauen anzuhalten. Vergeblich, weil die einen mich für einen «Surprise»-Verkäufer hielten und die Anderen für einen Zeugen Jehovas. Später kaufte ich im Supermarkt eine Schachtel Schokolade von einer beliebten Sorte und setzte die Dächlikappe mit dem Werbeslogan des Herstellers auf mein Haupt. Da hatte ich mehr Glück.

Als erstes ging ich auf einen Mann mit gut sitzendem Anzug und Krawatte zu. Auf meine Frage, ob er mich darüber aufklären könne, welche Aufgabe die Legislative und welche die Exekutive hätte, stand der Mann so regungslos da, als habe ich ihn an den Boden genagelt. Er schmatzte genüsslich meine Schokolade. «Oh Sie», sagte er, «fröget Sie öpper anders, wo besser drus chunnt bi dem cheibe Züügs.» Schnellen Schrittes machte er sich davon, als hätte er befürchtet, ich würde für meine Schokoladen noch Geld verlangen.

Dann nahm ich eine junge Frau ins Visier. Ob sie mir die Abkürzungen der Parteien in der Landesregierung ausschreiben könne. Sie stöhnte laut, reichte mir meine drei Schokoladen zurück. Ich sagte, sie dürfe sie behalten. Sie bemühte sich doch noch um eine Antwort: «Die einti Partei kenn ii. Die Grüeni heissets glaubii. Aber über di andere chan i leider nüt säge.» Sie schenkte mir ein Lächeln und lief davon.

Die dritte Frage in meinem Sack lautete, wer für die Löhne der Regierungsräte oder der Stadträte aufkomme. Diese etwas schwierige Frage stellte ich einer Frau mit halb grauen Haaren. «Gueti Frog! Das hät mii nie interessiert, das chann i jetzt go google», antwortete sie und lachte schallend. Bevor sie mich verliess, fragte sie noch, ob ich für die Umfrage des Schoggiherstellers wenigstens anständig bezahlt werde.

Mein Landsmann möchte vor der zweiten Einbürgerungsprüfung seinen Schnauz abrasieren.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, Oktober 2010

In den iranischen Kerker!

Yusuf Yesilöz über anatolische Dorfbewohner, bärtige Schweizer und eine Weinkönigin

Als ich kürzlich in mein Heimatdorf nach Anatolien fuhr, bekam ich eine Antwort auf die Frage, was denn der Islam sei. Fünf ältere Männer, die rund fünf Prozent der Dorfbevölkerung ausmachen, gehen regelmässig in die Moschee. Diese Gläubigen sind stolz darauf, dass sie am Abend ihres Lebens von einem ehemaligen Dorfbewohner aus dem österreichischen Vorarlberg eine Moschee gespendet bekommen haben. Und ihre grosse Aufgabe sehen sie darin, der jüngeren Generation ständig Tugenden ihrer Religion wie Aufrichtigkeit, Respekt vor den Älteren, Hilfsbereitschaft oder Spendenfreudigkeit in Erinnerung zu rufen. Der Überlebenskampf, die Ackerfelder, der nie ausreichend gefallene Regen, sogar ein krankes Schaf und vor allem die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder seien jedoch «tausendmal wichtiger als die Religion», wie sie im Gespräch betonen.

Komme ich in die Schweiz zurück, dann sehe ich ein wirres Bild des Islam. Es wird mir einmal mehr bewusst, dass die Diskussion um die MuslimInnen von Problemen ausgeht. Man wird mit Negativbildern überhäuft. Viele Medien zitieren beispielsweise den bärtigen Genfer Hani Ramadan, der die Steinigung der Iranerin Sakine, die Ehebruch begangen haben soll, rechtfertigt. Welch uralte und höchst primitive Justiz! In Ländern mit muslimischer Religion setzt sich aber eine grosse Zahl von Frauen und Männern für Sakine ein. Menschen wie Hani Ramadan, die nur im Westen gelebt haben, nur die Menschenrechte eines freiheitlichen Rechtsstaates erfuhren, wünschte man, dass sie eine Woche im Kerker ihrer hochgelobten iranischen Mullahs verbringen müssten. Erst dann würden sie – inschallah – jene Menschen verstehen können, die unter dem rigiden islamischen Regime leiden.

Der Islam hat hierzulande eine multifunktionale Rolle: Für die einen ist er ein Feindbild, für die anderen ein Trittbrett für öffentliche Aufmerksamkeit. Für einen kleinen Teil der ImmigrantInnen, die die Ablehnung und das Fremdsein beklagen, vielleicht den gewünschten Anschluss im Leben verpasst haben, ist die lebensfeindliche, streng ausgelegte Religiosität eine Kompensation, ein Trost, auch ein Ausdruck der Frustration.

Die Mehrheit der SchweizerInnen macht sich ein Bild vom Islam durch Auftritte ewig pubertierender bärtiger Schweizer wie Nicolas Blancho, Qaasim Illi oder Hani Ramadan. Diese Typen kreieren ein Religionsbild, das sogar den gläubigen MuslimInnen völlig fremd ist. Jedes aus ihrem Mund geplapperte Wort findet grosses Echo und vervollständigt das Feindbild. Das ist schade, verhindert es doch die vernünftige Meinungsbildung über die neue Schweizer Religion namens Islam – auch über dessen veraltete, weltfremde Aspekte.

Dass der Islam auch für Witze sorgt, hilft, die merkwürdige Diskussion auszuhalten: In Neuenburg wurde eine Weinkönigin gewählt. Sie ist Muslimin, wie die Zeitungen berichteten. Die abgebildete Schöne zeigt freizügig ihre Haut. Leider trinkt sie aus religiösen Gründen keinen Wein. Was für eine Muslimin! Wie immer, wenn ein «Problem» mit AusländerInnen auftaucht, muss ein Vertreter der SVP zitiert werden. Dieser weiss, dass man mit der Wahl einer muslimischen Schönheitskönigin die gescheiterte Ausländerintegration schönrede. Was all diese verflixten Dinge miteinander zu tun haben, braucht man indes nicht zu erklären. Die Rede ist ja vom Islam.


Kolumne in der Wochenzeitung WOZ, November 2010

Dafür das Glück in der Liebe?

Yusuf Yeşilöz über die Ausschaffungsinitiative

Die Schweiz redet wieder einmal über ihre AusländerInnen. Über die Kriminellen. Alle zwei Jahre starten PolitikerInnen von rechtsaussen mit einer Initiative durch. Mal geht es gegen die erleichterte Einbürgerung von Migrantenkindern, dieses Mal um die Ausschaffung krimineller AusländerInnen. Die Argumente, die seit einiger Zeit auch in anderen politischen Lagern, sei es bei den Mitteparteien oder, wie beim Minarettverbot, auch bei den Linken breite Zustimmung finden, sind immer dieselben. Der negative Prototyp des Ausländers wird aufpoliert. Zuerst aber eine Frage: Was bringt diese Initiative der Schweiz? Der Chef des Zürcher Migrationsamtes sagt es eindeutig: Sie bringt NICHTS. Was sollen wir noch dazu sagen?

Der Inhalt des Initiativtextes ist ein Widerspruch in sich. Zitat von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf: «Sehr fragwürdig ist auch der Umgang mit dem Betrug bei Sozialleistungen. Darunter fällt eine Putzfrau, die Arbeitslosengeld bezieht, bei einer Nachbarin ein Paar Stunden arbeitet und den Lohn nicht angibt. Nicht erfasst sind hingegen der Wirtschafts- und der grosse Steuerbetrüger. Ein so grosses Ungleichgewicht kann in einem Rechtssystem nicht sein.»

Gemäss Umfragen wird die Ausschaffungsinitiative angenommen. Sind die PolitikerInnen von rechtaussen klüger als die anderen SchweizerInnen, weil sie in den letzten Jahren jedes Referendum im «Ausländerbereich» gewonnen haben? Nein, im Gegenteil! Aber sie sind in ihrer Absicht, AusländerInnen aus bestimmten Kulturräumen als Übeltäter darzustellen, ziemlich erfolgreich. Sie scheuen sich nicht, diese Menschen auf einige wenige negative Eigenschaften zu reduzieren. Mit der einfachen Verallgemeinerung und Kulturalisierung der Kriminalität kommen sie vorbehaltlos dort gut an, wo ein differenziertes Bild der neuen NachbarInnen fehlt. Umgekehrt gilt dies natürlich auch für einen grossen Teil der Eingewanderten. Einer differenzierten Wahrnehmung geht halt die offene Auseinandersetzung voraus. Wer ist bereit dazu?

Warum fällt die Mehrheit der SchweizerInnen in die Falle des Rechtspopulismus? Das immigrierte Individuum wird, ob in der Schweiz oder im Ausland, stellvertretend für seine ganze Volksgruppe wahrgenommen. Die Tat des Einzelnen, ob negativ oder positiv, wird als Tat von allen betrachtet. So wird auch das Delikt des «Eigenen» harmloser bewertet als das des «anderen». Die rechten PolitikerInnen nützen dieses Phänomen sehr gut aus und gewinnen Wahlen damit, sowohl in Wien als auch in Den Haag.

Ich will die Migrationsprobleme, die weltweit existieren, keineswegs ausblenden. Diese aber mit Fairness anzugehen, hilft der Sache und damit auch der Schweiz.

Die bisherige Propaganda der rechten Politik, erinnern wir uns hier etwa an das Plakat mit dem Messerstecher oder jenes mit den raketenähnlichen Minaretten, hat einen fruchtbaren Boden gefunden – so fruchtbar wie die sorgfältig gepflügten Äcker der Schweizer Bauern. Jetzt wird Erfolg geerntet.

Diffuse Ängste vor dem «Fremden» existieren überall auf dieser Welt. Gefährlich wird es, wenn diese Ängste für politische Zwecke geschürt werden. Es scheint so, als ob wir dieses Spiel der Ausschaffungsinitiative verlieren. Doch vielleicht bleibt uns dafür das Glück in der Liebe, wie das Sprichwort sagt.


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