HELMUT DWORSCHAK, Der Landbote; 10.11.2007; Seite 19

Ausländer sind keine besseren Menschen

Am Freitag erhält Yusuf Yesilöz den Preis der Kulturstiftung Winterthur 2007, «für seinen konsequenten Weg vom Flüchtling aus Mittel- anatolien zum anerkannten Autor und Filmemacher», wie es in der Begründung heisst. Ein Porträt.

WINTERTHUR – «Ich mag die Jahreszeit nicht besonders, wenn es neblig ist und früh dunkel wird», meint Yusuf Yesilöz. Wir sitzen im grossen, offenen Wohnzimmer seiner Familie im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses im Inneren Lind; die Katze hat es sich in ihrem Korb beim Ofen bequem gemacht, auch die Nachbars-katze geht hier ein und aus, sie öffnet gar die Wohnungstüre selbständig. Am Dienstag und Freitag ist Yesilöz jeweils zu Hause anzutreffen – genau wie der Sänger Kalo Baran in seinem Krimi «Lied aus der Ferne». «Heute ist sein Haushaltstag, er kann nicht ans Telefon kommen», bescheidet dort die Tochter des Künstlers dem Polizisten.

Der Tagesplan von Yesilöz ist nicht ganz so rigid wie der seiner Figur, mit der er durchaus einige Ähnlichkeit hat. «Ich bin nicht Baran», hält der Schriftsteller und Filmemacher fest. Doch eingebunden in den Familienalltag ist auch er. Heute etwa ist er für das Mittagessen zuständig. Zuerst wird sein sechsjähriger Sohn Aram aus dem Kindergarten eintreffen, danach die vierzehnjährige Tochter Evin und zuletzt, erst gegen halb zwei, seine Frau Barbara Walser, die Ärztin ist.

Der Tag vor dem Besuch des Journalisten war den drei Tätigkeitsfeldern gewidmet, die das Leben des 1964 geborenen Yesilöz prägen: Film, Familie und Literatur. Am Vormittag sass er im Studio von Dieter Gränichers «momenta film» in Zürich neben dem Kameramann am Schnittcomputer und überwachte die Farbkorrekturen. «Musikliebe», der dritte Film von Yusuf Yesilöz, steht kurz vor der Vollendung; erstmals gezeigt werden soll der Dokumentarfilm an den Solothurner Filmtagen im Januar. «Weil meine Frau gestern an einer Fortbildung war, eilte ich anschliessend nach Hause, um meinen Jungen zu empfangen», erzählt Yesilöz. Nach dem Abendessen fuhr er mit dem Zug nach Adliswil an eine Lesung. Manchmal mache er mehr als fünf Lesungen im Monat. «Die Leute hatten Freude, und nach der Lesung habe ich zusammen mit den Veranstaltern etwas getrunken», erklärt er lachend.

Ein Angriff auf die Türkei?

Im Gespräch klingt seine Stimme ruhig, gefühlvoll und bestimmt. Genau wie in seinem im letzten Jahr erschienenen Film «Zwischen den Welten», wo Yesilöz selbst den Kommentar spricht. Die heute 36-jährige Güli Dogan, die er dort porträtiert, ist wie er selbst in einem kurdischen Dorf auf dem Staatsgebiet der Türkei aufgewachsen. Erst jetzt, in seinem sechsten Roman und in seinem dritten Film, entfernt sich Yesilöz von seiner alten Heimat; bereits 1987 hat er die Türkei als Flüchtling verlassen. Neun Jahre später, da war er schon Schweizer Staatsbürger, wurde Yesilöz in der Türkei drei Wochen lang festgehalten, weil er eine Literaturstudie über kurdische Literatur herausgegeben hatte – auf Deutsch notabene.

Im Vorwort hatte eine Professorin der Universität Sorbonne in Paris geschrieben, die kurdische Literatur könne nicht zirkulieren, weil Kurdistan in vier Länder aufgeteilt sei. Dieser Satz wurde als Angriff auf die Türkei ausgelegt. «Absurd» sei das, findet Yesilöz, der diese Erfahrung in seinem Buch «Vor Metris steht ein hoher Ahorn» verarbeitet hat. Seither habe er das Buch nie mehr zur Hand genommen. An solchen Erlebnissen dürfe man nicht hängenbleiben, sich nicht immer als Opfer sehen, davon ist Yesilöz überzeugt, sondern müsse es aus der Distanz betrachten lernen. Die Auseinandersetzung mit der Verschiedenheit der Kulturen wird man in seinen Werken aber weiterhin finden. Der neue Film «Musikliebe» zeichnet die Geschichte dreier Paare nach, bei denen jeweils ein Partner in die Schweiz eingewandert ist.

Nachdem die Arbeit am Film nun abgeschlossen ist, kann sich Yesilöz wieder der Literatur widmen. Einen Krimi will er nicht mehr schreiben: «Ich habe immer gesagt, das wird ein Seitensprung», meint er augenzwinkernd, «denn ich bringe in meinen Büchern nicht gerne Leute um.» Die Figur des Polizisten Schenker werde er aber sicher wieder einmal verwenden. In seinem neuen Buch geht es um die Begegnung einer Türkin mit einem Kurden; beide müssen sich von den Erwartungen befreien, die ihre Kultur an sie stellt.

Die Erfahrung zählt

Fühlt er sich aufgrund seiner Herkunft zur Beschäftigung mit kultureller Differenz verpflichtet? «Ich bin davon überzeugt, dass man das am besten erzählen kann, was man selbst erfahren hat», bekennt Yesilöz. Wichtig ist ihm auch, unangenehme Seiten der Eingewanderten nicht auszusparen. «Das mag auf gutgesinnte Schweizer zunächst irritierend wirken. Aber unter meinen Landsleuten werden eben auch Skandalgeschichten erzählt.» Ein homogenes Bild, das nur die positive Seite der ausländischen Menschen zeige, findet Yesilöz abstossend. In gewissen Kreisen bestehe die Tendenz, allzu zurückhaltend darüber zu sprechen, was bei der Integration schief laufe; diese Lücke werde dann von rechten Politikern ausgefüllt. Yesilöz ist sich bewusst, dass er als Kulturschaffender privilegiert ist; die Leute würden ihm anders begegnen, wenn er anonym im Zug unterwegs sei. «Dann bin ich der Fremde.» Es ist eine Erfahrung, die Yesilöz immer wieder macht: «Der Platz neben dem ausländisch aussehenden Menschen wird zuletzt besetzt.» Man stehe dem Fremden skeptisch gegenüber, das sei nicht nur in der Schweiz so. Als er als Flüchtling in der Schweiz im Gemüsebau arbeitete, habe er den ganzen Tag über immer wieder drei Wörter zu hören bekommen: «Bringe, mache, heilandsack.»

Es sei notwendig, offen zu sein und unter die Menschen zu gehen, ist Yesilöz überzeugt. So konnte er bereits fünf Jahre nach seiner Emigration in St. Gallen eine Buchhandlung eröffnen. Es mag paradox klingen: Zum Gelingen seiner Integration hat wohl auch die Tatsache beigetragen, dass Yesilöz ein Einzelgänger ist. Beim Arbeiten allerdings mag er es, wenn im Zimmer nebenan etwas läuft. «Wenn es ganz still ist, halte ich es nicht länger als zwei Stunden aus.» Einmal habe er sich eine Woche lang zum Schreiben in ein Hotelzimmer zurückgezogen – und keinen einzigen Satz herausgebracht.

 

Vom Flüchtling zum Mitbürger

Helmut Dworschak

Im Alter von 23 Jahren flüchtete Yusuf Yesilöz aus dem kurdischen Dorf in der Türkei, wo er 1964 geboren worden war, in die Schweiz. Zu Beginn arbeitete er im Gemüsebau, später machte er in St. Gallen eine Buchhandlung auf und übersetzte und verlegte selber kurdische Literatur. Etwa 1994 kam er auf die Idee, selber zu schreiben. Sechs Bücher sind seither erschienen, zunächst im Rotpunktverlag, dann im Limmat-Verlag. Der jüngste Roman «Lied aus der Ferne» (2007) ist ein Kriminalroman und spielt in Winterthur; seit bald zwölf Jahren ist Yesilöz Schweizer Bürger, etwa ebenso lange wohnt er nun schon mit seiner Familie in Winterthur.

Wie in seinen Romanen und Erzählungen beschäftigt sich Yesilöz auch in seinen Filmen mit dem, was die Kulturen unterscheidet. Im Dokumentarfilm «Zwischen den Welten» (2006) hat er behutsam die gelungene Integration einer Kurdin geschildert. Im neuen Film «Musikliebe», der im Januar in Solothurn gezeigt werden soll, geht es um drei Paare, von denen jeweils ein Partner aus dem Ausland zugewandert ist. (dwo)

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